SONGTEXTE

1. party im Büro

2. tischtennisplatten

3. klaus

4. hetero

5. alles verloren

6. die ballade von herrn gruber

7. Charles bukowski

8. ZEIt der wurst


1. Party im büro

 

Plötzlich sind alle jünger als du

und haben auch noch deine Träume erreicht,

du sitzt vor dem Scherbenhaufen Leben

und fragst dich: Wer war ich doch gleich?

 

Du hast jetzt ne Katze und achtest auf dein Gewicht,

du googelst dich selber und findest dich nicht,

irgendwas läuft hier ganz schön schief!

 

Warum bist du nicht froh?

Morgen ist Party im Büro,

da freun sich doch alle, alle, alle drauf seit Wochen,

der Jochen wird vierzig, das ist was zum fröhlich sein,

jetzt schau doch nicht immer so traurig drein,

sei froh, dass du eine Stelle hast,

denn in der heutigen Zeit heißt das Sicherheit,

unbefristete Sicherheit.

 

Und wer ne Stelle hat, macht nen Nudelsalat,

für den Jochen und die Gisela,

die findet den Salat ganz wunderbar,

deinen unbefristeten Nudelsalat.

 

Früher da warst du anders als jetzt,

den Kopf voll Konfetti, die Nase im Wind,

du saßt kirschenessend in riesigen Bäumen,

die Zeit war, was kommt, noch nicht das, was zerrinnt.

 

Du bist schon lang Single und sagst, dir ist das ganz recht,

bist heimlich bei Tinder, doch hast nie ein Match,

irgendwie ist das nicht gerecht!

 

Warum bist du nicht froh?

Morgen ist Party im Büro,

da freun sich doch alle, alle, alle drauf seit Tagen,

der Hagen backt exta nen Kuchen für Jochens Fest,

das geht nicht, dass du dich jetzt hängen lässt,

traurig sein geht hier überhaupt nie,

denn das passt nicht zur Corporate Identity,

wenigstens gibt's hier Identity.

 

Und wer Identity hat, macht nen Nudelsalat,

für den Jochen, mit Gürkchen,

und schneidet ein paar Putenbrustwürstchen

in den identitären Nudelsalat.

 

Morgens im Starbucks da fragt man dich nett,

wie heißt du? Ich schreib's auf den Becher hier drauf.

Du sagst einen Namen, der ist gar nicht deiner

und setzt ein verwegenes Lächeln auf.

 

Du fährst mit der Bahn und dem Nudelsalat ins Büro,

am Eingang steht Jochen und sagt: Hallo!

Stell den Salat auf den Tisch, du weißt wo!

 

Denn heute sind wir hier froh,

heute ist Party im Büro,

da freun wir uns alle, alle, alle riesig drauf,

der Haufen an Arbeit, der bleibt heute unberührt,

nicht dass da sonst jemand nen Drang verspürt,

nur heute ist alles anders hier,

wir feiern Jochen und uns von acht bis vier,

tanzen und lachen von acht bis vier.

 

Wir haben heute Spaß

und heben das Glas auf den Jochen und das Leben,

du musst mir mal das Rezept geben

von deinem lebensbejahenden Nudelsalat.

 

Abends zu Hause putzt du dir die Zähne

und denkst, ach, das Leben war doch gut bisher,

man muss seine Träume nicht unbedingt leben,

denn dann sind es ja keine Träume mehr.

 

Du gehst kurz ins Netz, schaust die Fotos von heute an,

der Jochen hat alles auf Facebook getan,

du klickst 'Gefällt mir' und fragst dich dann:

 

Warum bin ich nicht froh?

Heute war Party im Büro,

da hatten doch alle, alle, alle nen riesen Spaß,

jetzt lass doch das Grübeln, es ist alles halb so wild,

du siehst fröhlich aus auf dem Partybild,

dann fehlt der Geschichte hier eben der Held,

dafür gibt es Urlaub und Weihnachtsgeld,

bezahlten Urlaub und Weihnachtsgeld,

das ist es was dich hier hält,

und im Urlaub siehst du die Welt,

die Kollegen sind alle lieb,

später die Rente vom Betrieb,

vielleicht wirst du ein Häuschen baun,

siehste, das ist doch auch ein Traum,

und es sind nur acht Stunden am Tag

und immer wieder der Nudelsalat,

immer wieder der Nudelsalat,

immer wieder der Nudelsalat ...


2. Tischtennisplatten


Zerrissene Jeans

und jede Woche eine neue Haarfarbe,

grün ging gar nicht,

aber blau, das sah gut aus und das wächst ja raus.

 

Weißt du noch - Susanne,

die musst um achzehn Uhr zu Hause sein,

Susanne sagte zu allem Amen und Ja,

wir sagten zu allem Nein (auch zu Susanne).

 

Die Stadt in der Nacht,

eine erste Zigarette auf dem Spielplatz,

wir kickten Coladosen gegen die Wand,

Jugend ohne Zukunft, Welt ohne Dosenpfand.

 

Wir lagen auf Tischtennisplatten

und sahen in den Wolken nur Wolken,

das wär jetzt ein Problem, aber früher war das schön.

 

Das Leben ist kein Kampf,

das Leben ist Lachen und Alf zitiern,

Sommerferien und Wassereis,

auf ne frisch gestrichene Wand ein paar Sprüche schmieren.

 

Tage im Wald,

ein Skateboard und aufgeschlagene Knie,

in deinem Keller wohnte Pennywise,

wir werden ihn besiegen, wir wussten schon wie,

 

aber erstmal mit ein paar Groschen

zum Kaugummiautomaten an der Ecke,

warmer Regen und Erdbeergeschmack,

man weiß halt nur was man hat, wenn man es hat.

 

Wir lagen auf Tischtennisplatten

und sahen in den Wolken nur Wolken,

das wär jetzt ein Problem, aber früher war das schön.


Wir konnten alle Lieder von Meat Loaf mitsingen,

auch die ganz langen,

das musste heut mal bringen,

zwölf Minuten, ein einziger Song,

when everything's right, nothing is wrong.

 

Leere Zimmer,

die Poster aus der Bravo längst im Altpapier,

die Freundschaftsbändchen fielen von alleine ab,

am Bahndamm ein Graffiti - wir waren hier.

 

Ein erstes Tattoo

und Jahre später immer noch wissen:

Niemand konnte, was wir wirklich sind, zerstören,

spul mal zurück, ich will das Lied nochmal hören.

 

Wir lagen auf Tischtennisplatten

und sahen in den Wolken nur Wolken,

das wär jetzt ein Problem, aber früher war das schön.

 

Es ist wirklich vorbei, doch wir waren da.
Objects in the rear view mirrormay appear closer than they are.


3. Klaus


Ich war verliebt in Klaus,

doch dann fand ich raus,

der Klaus ist in der AfD,

das tut so weh, das tut so weh.

 

Wir warn ein schönes Paar,

fast für ein ganzes Jahr,

ist Klaus jetzt in der AfD,

das tut so weh, das tut so weh.

 

Ich lernte Klaus damals kennen

in nem Seminar über Dekonstruktion,

binäre Strukturen, die brachen wir auf,

und wir stürzten den König vom Thron (metaphorisch).


Wir waren jung und verzweifelt

in das kritische Leben verliebt,

Macht ging gar nicht, Identität war brüchig,

wir hielten uns fest an dem, was da noch blieb.

 

Klaus las die Zeit und den Spiegel,

sah Panorama und war linksliberal,

wir wählten die Grünen und lebten vegan

und wir fanden die Spießbürger völlig banal.

Wir demonstrierten pro Feminismus

und immer wieder gegen Homophobie,

wir feierten Feste, interreligiös,

und ich dachte, dieses Leben mit Klaus endet nie.

 

Ich war verliebt in Klaus ...

 

Ich weiß nicht, wann es passierte,

es war wohl so ein schleichender Prozess,

Klaus aß ein Wurstbrot und fand Schwule doof

und er kaufte uns Karten für ein Wagnerfest (Nibelungen).

Er wollte plötzlich ne Schrankwand

und fragte mich: Sag, warum kochst du so schlecht?

Er war jetzt Klaus, weil er alles andre nicht war,

und hielt sich an dieser Vorstellung fest.

 

Er schwärmte für Alexander Dugin,

ich fragte: Wer? - Er sagte: Jetzt hör mir gut zu,

die Politik verrät uns, die Nationen sind zersetzt,

was wir brauchen ist ein neues Denken ohne Tabu,


wir sind schon ganz überfremdet

und die Medien voll linkem Gelaber. -

Ich war ganz entsetzt, doch Klaus sah mich freundlich an

und er sagte: Schatz ich bin doch kein Nazi, aber ...

 

Ich war verliebt in Klaus ...

 

Das klingt jetzt alles ganz einfach,

der Klaus ist halt ein Arschloch, darum trenne ich mich,

so ist es gekommen, das war auch nicht schwer,

doch die Frage bleibt wohl unausweichlich (diese Frage):


Wer war der Klaus denn von damals?

In wen war ich so unglaublich verliebt?

War der eine Lüge, ist der noch irgendwo da?

Ich hoffe, dass es darauf eine Antwort gibt.

 

Klaus macht jetzt ganz groß Karriere

und ist auch schon im Landtag für seine Partei,

ich sah ihn im Fernsehen und von Wahlplakaten lachen,

er will an die Macht via Deutschtümelei.


Ach, Klaus, wenn du das jetzt wüsstest,

es gibt hier dieses Liedchen, das heißt so wie du,

nur eine Moral, die gibt es noch nicht,

ich lass das noch offen, ich mach hier nichts zu.

 

Ich war verliebt in Klaus ...


4. hetero

 

Versteh mich bitte nicht falsch,

du bist das Beste, was mir passieren kann,

und wenn wir Arm in Arm durch die Innenstadt gehn,

denk ich, wow, an meiner Seite so ein schöner Mann.

 

Du hast ein großes Herz

und dein Lächeln ist unbeschreiblich,

du sagst: Mit dir kann ich in Liebesfilmen weinen,

du bist der Hauptgewinn, ein Lover und ne beste Freundin.

 

Doch bei der Karaoke singst du immer 'I am what I am'

und ich hatte schon die Ahnung, das ist alles viel zu schön,

obwohl es wahr ist, gerade weil es wahr ist, hör mir zu,

ich weiß hier leider mehr als du:

 

Ich bin mir sicher, dass du nicht hetero bist,

auch wenn du mich nachts im Regen küsst,

ich bin mir sicher, dass du auf Jungs stehst,

und bald schon durch die Tür da gehst.

 

Und immer wenn du in meinen Armen liegst,

flüster ich ein leises Goodbye,

es gibt keine Zukunft für uns zwei

und weit und breit kein Happy End,

nur diesen Moment.

 

Du hast mir so viel gezeigt,

bei dir lernte ich, mich selbst zu lieben,

und wenn wir später unsre Geschichten erzählen,

sag ich, Mensch, bei dir wär ich gern geblieben.

 

Doch bald schon kommt dein Märchenprinz

und dann räume ich unser Schloss,

und ich wünsch euch nur das Beste

und dann lass ich dich einfach los.

 

Obwohl es weh tut,

gerade weil es weh tut ist es nicht verkehrt,

ich habe noch was, was ich vermissen werd.

 

Ich bin mir sicher, dass du nicht hetero bist,

auch wenn du mir eine Träne wegküsst,

Ich bin mir sicher, dass du Jungs magst,

auch wenn du jetzt nochmal, Ich liebe dich sagst.

 

Dein Weg führt über den Regenbogen

und da komme ich nicht mehr mit,

für uns gibt es kein großes Glück,

es gibt nur die Vergangenheit

und die Zeit, die bleibt.

 

Es ist doch ganz egal, ob du mir jetzt glaubst oder nicht,

was passieren wird, passiert unvermeidlich,

alles, was wir haben ist nur auf Sand gebaut

und bald feiern wir halt dein Coming-out.

 

Ich bin mir sicher, dass du nicht hetero bist,

auch wenn du mich nachts im Regen küsst,

Ich bin mir sicher, dass du auf Jungs stehst

und bald schon von mir fortgehst.

 

Und wenn du jetzt in meinen Armen liegst,

dann verstehst du mein leises Goodbye,

es gibt keine Zukunft für uns zwei

und leider auch kein Happy End,

nur diesen Moment.


5. alles verloren


Ich hab alles verloren, was man verlieren kann, nicht nur nen Schlüssel oder nen Handschuh oder nen Lieblingsschal, obwohl das auch ganz schön blöd ist, wenn man diese Dinge verliert, denn dann steht man draußen und friert, und friert.

 

Ich hab alles verloren, was man verlieren kann, und es fühlt sich an, ich weiß nicht wie, ein Bildungsroman, in dem der Held alle wegstößt und sich dann fragt, warum bin ich allein? Und er glaubt, das muss so sein - nein.

 

Ich hab alles verloren, was man verlieren kann, und jetzt wo wirklich alles weg ist, denkt ich nicht noch mal daran,

nochmal alles anzuhäufen, denn ich weiß ja jetzt, was passiert, man hat es und wartet darauf, dass man's wieder verliert.

 

Und weise wirst du nie, sorry,

nur einer, der nicht tanzen kann, tanzt,

und weil er immer wieder hinfällt,

wird er zum Tänzer und dann sagt er:

Komm, tanz mit, es ist alles ganz einfach.

 

Ich hab alles verloren, was man verlieren kann, und ganz egal, was ich alles glaubte, heute glaub ich nur noch daran, dass wenn du etwas wirklich freilässt und es kommt dann zu dir zurück, dann ist es auch nicht deins, dann hattest du bloß Glück.

 

Und weise wirst du nie, sorry,

nur einer, der nicht tanzen kann, tanzt,

und weil er immer wieder hinfällt,

wird er zum Tänzer und dann sagt er:

Komm, tanz mit, es ist alles ganz einfach.

 

Und schöner wird es nie, sorry,

das sind jetzt schon die guten alten Tage,

an die wir uns irgendwann mal erinnern,

wenn fast keine Zeit mehr bleibt,

es ist wirklich so einfach ...

 

... alles zu verlieren, was man verlieren kann, dann ist es weg, dann tut's noch weh, du hängst halt noch dran, bis du endlich einsiehst, und das ist dann komisch irgendwie,

was du verlieren kannst, das hattest du nie.

 

Und schöner wird es nie, sorry,

das sind jetzt schon die guten alten Tage,

an die wir uns irgendwann mal erinnern,

wenn fast keine Zeit mehr bleibt,

es ist wirklich so einfach.

 

Und heile wirst du nie, sorry,

doch kannst du aus dem Schmerz jetzt was machen,

lachen und einfach irgendwo beginnen,

denn du bist hier nicht allein,

siehste, so einfach kann es sein.


6. die ballade von herrn gruber


Herr Gruber wollte nur Brötchen holen gehn,

da fiel er in ein Loch,

das Loch war ziemlich tief, Herr Gruber war sehr klein,

 jetzt sitzt er hier allein und denkt sich, och.

 

Er wollte die Brötchen mit Butter beschmiern,

und dann kamen Käse und Wurst,

das wird jetzt nicht passiern, denkt Herr Gruber in dem Loch,  doch wer weiß, vielleicht ist das hier ja ne Chance.

 

Denn vielleicht ist es irgendwie besser,

wenn nicht jeden Tag dasselbe passiert,

wenn du nicht weißt, was kommt,

wenn du keine Pläne hast,

wenn du lebst, verwegen und bekloppt.

 

Vielleicht ist es irgendwie schöner,

wenn die Zukunft wirklich Zukunft ist,

wenn du in den Spiegel schaust

und denkst: Ich mag dich richtig gern,

weil du lachst und deine Träume lebst.

 

Herr Gruber in dem Loch denkt an sich als Kind,

er wollte so gerne zur See,

viele fremde Länder sehn und echte Abenteuer leben,

doch niemand sagte: Trau dich, Gruber, geh!

 

Er fand einen Job bei ner Versicherung

und blieb dann einfach da,

sitzt seit vierundvierzig Jahren in demselben Büro,

kneif mich, das ist doch jetzt nicht wahr.

 

Denn vielleicht ist es irgendwie besser,

wenn nicht jeden Tag dasselbe passiert,

wenn du nicht weißt, was kommt,

wenn du keine Pläne hast,

wenn du lebst, verwegen und bekloppt.

 

Vielleicht ist es irgendwie schöner,

wenn die Zukunft wirklich Zukunft ist,

wenn du in den Spiegel schaust

und denkst: Ich mag dich richtig gern,

weil du lachst und deine Träume lebst.

 

Herr Gruber in dem Loch denkt:

Ich muss hier raus, aus dem Loch, dem Job, der Stadt,

muss endlich mal was wagen,

ich hab nicht mehr so viel Zeit,

bin jetzt bereit für das, was man so macht,

 

wenn man endlich einmal lebt und sich nicht nur treiben lässt, Problem ist jetzt nur das Loch.

Herr Gruber stellt sich hin und schreit mit aller Kraft:

Hallo, ich bin hier unten, hört mich doch!

 

Frau Meier aus dem Blumenladen hört Grubers Schrei

und alarmiert die Feuerwehr,

sie holen Gruber raus und Gruber freut sich sehr,

er flüstert ihr ins Ohr: Jetzt sind wir frei.

 

Denn vielleicht ist es irgendwie besser,

wenn du nichts mehr zu verlieren hast,

wenn alles, was du brauchst, in einen Koffer passt,

und selbst den Koffer stellst du irgendwo mal ab.

 

Vielleicht ist es irgendwie schöner,

wenn dein Zuhause nur die Menschen sind,

die neuen, die du triffst, die alten, die du liebst,

das einzige, was unvergänglich ist.

 

Herrn Gruber haben sie hier nie mehr gesehn

und auch Frau Meier gab den Blumenladen auf.

Sie kauften sich ein Schiff, sagt man,

und fahren jetzt um die Welt,

bis die Welt um sie zusammenfällt.

 

Das Loch, in das Herr Gruber damals fiel,

wurde als sehr gefährlich eingestuft,

man schüttete es zu, es ist jetzt wirklich weg,

nur ein Haufen Dreck erinnert an sein Lied:

 

Vielleicht ist es irgendwie besser,

wenn nicht jeden Tag dasselbe passiert,

wenn du nicht weißt, was kommt,

wenn du keine Pläne hast,

wenn du lebst, verwegen und bekloppt.

 

Vielleicht ist es irgendwie schöner,

wenn dein Zuhause nur die Menschen sind,

die neuen, die du triffst, die alten, die du liebst,

das einzige, was unvergänglich ist.


7. charles bukowski

 

Deine traurigen Augen beeindrucken mich nicht mehr,

und deine gelben Finger von all den selbstgedrehten Zigarette streichen nie mehr über meinen Rücken, es tut mir ja auch leid, dass ich das jetzt weiß.

Du bist schon ziemlich lang hier, nicht dass du wieder Ärger zu Hause bekommst, deine Verlobte denkt du bist beim Fußball mit den Jungs und nicht hier bei mir, und ich ziehe meine Hand weg, nach der du greifst, es tut mir ja auch leid.

Warum lässt du dich nicht lieben? hast du gefragt und du fragst es mich wieder, sorry, das ist Bullshit, mein Freund,

nur weil du selbst kaputt bist, müssen's andre nicht sein,

die Wunde ist jetzt eine Waffe und du bist der erste, der in ihren Lauf blickt.

 

Was hätte Charles Bukowski dazu gesagt, zu der Wohnlandschaft?

Und zu dem Mixer, mit dem du dir jeden Morgen einen Smoothie machst?

Smoothies sind gesund, sagst du, und weinst,

lüg doch nicht, du weinst.

 

Hinterm Aldi gab's ne Wiese, da lagen wir im Sommer vor Jahren, nachts um drei, du wolltest nie so sein wie jetzt, sagtest du, doch da war das Nie schon vorbei.

Die Wiese ist jetzt ein Parkplatz von nem Baumarkt, also wenn du mich fragst, damals wussten wir alles, alles, was zählte, und wir hatten es.

Warum bist du nicht geblieben? hab ich mich gefragt und ich frag es nie wieder, denn so wie's jetzt ist, ist es ganz gut, nur weil du aufgegeben hast, haben andre jetzt Mut, die Wunde ist jetzt eine Waffe und du bist der erste, der in ihren Lauf blickt.

 

Was hätte Charles Bukowski dazu gesagt ...

 

Komm ich nehme dich mit und dann verlernen wir alles, was uns kaputt macht, komm ich nehme dich mit und dann lachen wir über alles, worüber man nicht lacht.

Waren das meine Worte, die du jetzt als Versprechen missverstehst? Dein Glück liegt jetzt in deiner Hand, mein Freund, und wenn's da nicht liegt, kann ich dir auch nicht helfen, sorry jeder sucht jetzt für sich, nur weil du deins nicht findest, werd ich trotzdem glücklich, die Wunde ist jetzt eine Waffe und du bist der erste, der in ihren Lauf blickt.

 

Was hätte Charles Bukowski dazu gesagt ...


8. zeit der wurst

Der kleine Junge an der Wursttheke

bekommt ne Scheibe Wurst und freut sich sehr,

er bedankt sich artig, seine Mutter lächelt stolz

und ich denke: Irgendwann ist das vorbei, dann gibt es keine Wurst mehr!

 

Dann bist du erwachsen,

dann ist die Zeit der Wurst vorbei,

dann bist du erwachsen,

dann hilft auch kein Geschrei

an der Kasse, wenn du einen Schokoriegel willst

und dein Geld zu Hause vergessen hast oder auf Diät bist, lass den Schokoriegel los, du bist jetzt groß.

Hey, kleiner Junge, ich find's wunderbar,
wie unbeschwert du deine Wurst kaust,

und wie selbstverständlich du die Freundlichkeiten nimmst, und zuversichtlich in das Leben schaust,


Alle Möglichkeiten scheinen offen,

du bist ein kleiner Meister im Wünschen und Hoffen,

genieß die Zeit, du bereust es sonst nachher,

denn glaub mir: Bald ist das vorbei und dann gibt es keine Wurst mehr!

 

Dann bist du erwachsen,

dann ist die Zeit der Wurst vorbei,

dann bist du erwachsen,

dann hilft auch kein Geschrei,

wenn du etwas willst und es nicht kriegs und es versuchst und es trotzdem nicht kriegst, zum Beispiel Liebe,

lass das Wollen los, du bist jetzt groß.

Dem kleinen Jungen an der Wursttheke

fällt der Rest der Scheibe Wurst aus der Hand (oh nein),

er sieht ganz traurig, wie sie auf den Kacheln liegt,

und ärgert sich leis in sich hinein.

 

Die Frau hinter der Theke sagt: Das macht nichts,

ich werd dir gleich eine neue geben.

Doch die Mutter sagt: Nein, das werden Sie nicht,

mein Junge lernt hier jetzt etwas für's Leben.

 

Sie sagt: Junge wenn du etwas hast, dann halt dich

mit ganzer Kraft daran fest, denn wenn du es verlierst, dann ist es weg, und denk daran, Fehler verzeiht man dir nicht.

 

Sie sagt: Das klingt jetzt hart mein Junge, doch so ist es eben, nur wenn du härter bist als andre kommst du weiter im Leben, du lernst das besser jetzt, weil die Welt dich sonst zerbricht. Und ich denke: So schön, wie ich dachte, ist deine Kindheit doch nicht!

Doch bald bist du erwachsen,

dann ist die Zeit der Wurst vorbei,

dann bist du erwachsen,

sehn sie schonmal herbei,

diese Zeit, in der du mit ein bisschen Glück lernst, dass das alles nicht stimmt, dass es wirklich nicht stimmt, was man dir erzählt hat, lass es schonmal gehn und du wirst

sehn, dass du nicht nur ne Scheibe Wurst verlierst,

sondern noch viel mehr, das ist klar,

und es stimmt nicht, dass du keine Fehler machen darfst,

du musst es sogar,

und weil ich jetzt schon so klinge wie Cat Stevens in den siebziger Jahrn,

just relax, take it easy, und du wirst irgendwann erfahrn,

dass du nicht ewig alles werden kannst, irgendwann sind die Möglichkeiten zu,

und das, was übrig bleibt, das magst du dann besser,

denn dass was übrig bleibt, das bist du,

zum Beispiel kannst du mit Anfang vierzig kein Konzertpianist mehr werden,

weil die können schon alles alles alles, bevor sie sich überhaupt auf ner Musikhochschule bewerben,

außer du bist bereits Konzertpianist, aber auch dann kannst du's ja nicht mehr werden, denn das, was du bist, ist ja schon Konzertpianist,

aber auch die sind nicht immer glücklich, die sind oft Alkoholiker, weil Musiker sind oft Alkoholiker, das hat mir ein Freund von der Musikhochschule erzählt,

die sind zwar kreativ und verdienen gutes Geld und sehn viel von der Welt, darum macht es einen so betroffen, nach den Konzerten wird immer gesoffen, zum Runterkommen, und wenn der Abend dann vorbei ist wird ne Flasche Champagner mit ins Hotelzimmer genommen.

 

Und weil er dann da ganz alleine ist,

der Konzertpianist,

mit seiner Muisk im Kopf,

trinkt er den Champagner leer,

dann hört er die Musik nicht mehr,

dann ist es endlich still, endlich still ...

 

... worauf ich aber eigentlich hinauswill:

Bald bist du erwachsen,

dann ist die Zeit der Wurst vorbei,

dann bist du erwachsen,

sehn sie schonmal herbei,

diese Zeit, in der du lernst, dass du alles, was du liebst, irgendwann mal verlierst und es dann wirklich verlierst, tja, lass es schon mal los und du bist groß.